Freitag, 8. Juli 2011
Trauerweide
miercoles, 02:52h
Lieber T.
Anscheinend hast du von unserer Diskussion bei der Trauerweide immer noch den Eindruck ich sei unreif. Ich will versuchen diesen Eindruck zu widerlegen, nicht indem ich meine Aussagen, noch meine harschen Worte zurückziehe, noch indem ich sie abschwäche, nur indem ich sie erkläre. Aber wenn du diesen Eindruck von mir haben willst, werde ich auch nichts dagegen machen können.
Du scheinst zu denken, dass ich mich aus einer unüberlegten Unreife heraus den Gesetzen und der Polizei widersetzen will. Als ich in dieser Diskussion meine Arbeit erwähnt habe, wollte ich damit nicht sagen, dass ich nur aufgrund dessen richtig oder falsch liege, bzw. reif oder unreif bin. Wogegen ich mich jedoch wehren muss ist der Vorwurf, dass meine Position einer unüberlegten Unreife entspringt. Was ich eigentlich sagen wollte, ist dass ich mich sehr wohl mit Begriffen und Gegenständen wie Rechtsstaat und Solidarität auseinandersetze und darum nicht prinzipiell unüberlegt handle.
Du hast behauptet ich würde unsolidarisch handeln, als ich mich nicht bereit erklärte sofort den Platz, auf dem wir uns illegal befanden, zu räumen und damit riskierte, dass ein Mann, der seine Personalien mehr oder weniger freiwillig gegeben hatte, für mein Handeln büssen musste. Zuerst will ich dich fragen mit welchem Recht dieser Mann die Verantwortung für mein Handeln übernommen hat. Und dabei will ich allen moralischen Blendungen von wegen „Dass ist doch eine gute Geste, er hat sich für uns aufgeopfert und dafür müsse man ihm entgegen kommen“ und Entschuldigungen von wegen „er stand halt zufällig ganz vorne und hatte keine andere Wahl“ widersprechen. Er hatte nämlich sehr wohl die Wahl. Denn es ist die Pflicht der Polizei vorzuwarnen und über das Recht der Wahl aufzuklären: „Entweder du gibst uns deine Personalien und garantierst dafür, dass alle in 15 Minuten weg sind, oder du gehst jetzt gleich und alle anderen auch.“ Er musste sich also überlegen ob er für uns alle, eine Gruppe von ihm fast gänzlich unbekannten Personen, die Verantwortung übernahm oder ob er sagte: „Weil ich nicht für alle garantieren kann, räume ich jetzt den Platz ohne meine Personalien zu geben, und überlasse jedem seiner Eigenverantwortung.“
Sartre hätte darauf eine Antwort gewusst:
„Aber ich kann mich nicht auf Menschen verlassen, die ich nicht kenne, und mich dabei auf die menschliche Güte oder das Interesse des Menschen für das Wohl der Gesellschaft stützen, da der Mensch frei ist und es keinerlei menschliche Natur gibt auf die ich bauen könnte“
Sich also dafür zu entscheiden die Verantwortung für eine Gruppe von Fremden zu übernehmen stellt unbestreitbar ein Risiko dar, bei dem es ganz darauf ankommt ob diese Gruppe zu der auch ich gehörte, zum Vor- oder Nachteil dieses Mannes handelten. Böse gesagt könnte man sagen es sei dumm von ihm, darauf zu vertrauen, dass wir in 15 Minuten den Platz räumen würden.
Sich trotzdem dafür zu entscheiden dieses Risiko auf sich zu nehmen, kann ich mir nur erklären, wenn dieser Mann genau auf diese von Sartre verneinte menschliche Natur vertraut hatte. Dann muss er kalkuliert haben, dass wir und auch ich in etwa wie folgt denken:
„Aber dieser Fremde bringt ein Opfer (seine Personalien) für mich auf und ist bereit für uns alle gerade zu stehen, da muss man ihm doch entgegen kommen und in den Platz räumen“ Wenn ich so gedacht hätte, hätte ich „solidarisch“ und „menschlich“ gehandelt.
Meine Frage: Nur weil dieser Mann, den ich nicht kenne, ohne mich zu fragen ein solches Opfer für mich bringt, muss jetzt also auch ich ihm gegenüber Solidarität zeigen?
Ich büsse also von meiner Entscheidungs- und Handlungsfreiheit mich den Polizisten zu widersetzen oder nicht ein, nur weil ich ungefragt zur wechselseitigen Solidarität verpflichtet worden bin?
Und ich gebe zu, dass mir diese Freiheit viel wert ist. Aber ich habe mir sehr wohl die Frage gestellt, ob es es wert sei auf diese Freiheit in Angesicht dieser Lappalie zu bestehen, oder ob ich auch einfach den solidarisch den Platz räumen könnte, damit dieser unbekannte Mann keine Scherereien bekommt. Gut möglich, dass eine Abwägung in diesem spezifischen und kleinlichen Fall zugunsten des Fremden ausgefallen wäre, wenn ich dabei nicht noch ein weiteres Opfer als meine Freiheit in Kauf hätte nehmen müssen.
Indem dieser Fremde auf eine „menschliche Natur“ in mir baute, glaubte er an „etwas Gutes im Menschen“ und auch in mir, zu dem ein „natürliches“ Solidaritätsbewusstsein gehörte. Das entspricht seinem Menschen- und Weltbild, das ein moralisches ist und das ich nicht unbedingt teile. Nicht weil ich nicht glaube, dass es nicht etwas Gutes im Menschen gibt, sondern weil es mich noch zu etwas Weiterem verpflichtet. Weil es nun also „gut“ und „menschlich“ wäre, müsste ich auch Solidarität gegenüber seiner Idee von einem Rechtsstaat zeigen. Seine Idee von einem Rechtsstaat entspricht also seinem Versprechen an die Polizisten in 15 Minuten den Platz zu räumen, dass man sich an die Gesetze halten müsse und seinem exekutivem Arm Gehorsam zu leisten habe und damit basta. Dass der Rechtsstaat für uns sorgen müsse wie für ein unmündiges und hilfloses Kind, dass er immer wisse, was das Beste für uns sei. Wenn nun also das „Gute“ in mir von mir verlangt, dass ich Solidarität zeige, verlangt es auch von mir, dass ich dieser Idee von Rechtsstaat zustimme.
Aber das kann ich nicht. Denn ich sage mit Goethe:
„Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören!“
Ich bin nicht gegen den Rechtsstaat, sehe sogar seine Nötigkeit sehr wohl ein, aber zu seinen Gesetzen kann ich nur Ja sagen, wenn sie lebbar sind, wenn sie nicht bevormunden, wenn der Rechtsstaat Ohren und nicht nur Fäuste für den Widerstand übrig hat, wo dieser Bedürfnisse der Bevölkerung ausdrückt. Wenn jetzt aber eingewendet wird, dass noch ausdiskutiert werden müsse, ob die Stadt B. und der Rechtsstaat S. der Jugend und überhaupt genügend Freiraum zum atmen zu Verfügung stellt, verstehe ich das. Aber dabei handelt es sich aber um eine andere Diskussion, die ich zu gerne zu einem anderen Zeitpunkt führe, wenn du willst. Was ich mit dieser Ausführung sagen will ist, dass mir dieser Herr „Unbekannt“ durch seinen Solidaritätsanspruch nicht nur ein moralisches Menschen- und Weltbild aufzwingt, gegen das ich in diesem Fall nichts habe, sondern auch noch verlangt, dass ich meine Idee von einem Rechtsstaat aufgebe.
Und Nein ich bin nicht bereit diese Idee ohne weiteres aufzugeben, ohne mit dem Fremden darüber diskutiert zu haben, ohne von seiner Rechtsstaatidee überzeugt worden zu sein und dahinter stehen zu können. Ich lasse mich nicht von diesen moralischen Ansprüchen und dem Glauben an das „Gute im Menschen“ in Fesseln legen.
Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich damals das sehr spitze und vielleicht unreif erscheinende, aber sehr wohl überlegte Wort „Vergewaltigung“ angewendet habe.
Denn wenn von mir verlangt wird, dass ich gegen meine Überzeugungen handle, dann zwingt man mich zu etwas, dass nicht meinem Willen entspricht.
Anscheinend hast du von unserer Diskussion bei der Trauerweide immer noch den Eindruck ich sei unreif. Ich will versuchen diesen Eindruck zu widerlegen, nicht indem ich meine Aussagen, noch meine harschen Worte zurückziehe, noch indem ich sie abschwäche, nur indem ich sie erkläre. Aber wenn du diesen Eindruck von mir haben willst, werde ich auch nichts dagegen machen können.
Du scheinst zu denken, dass ich mich aus einer unüberlegten Unreife heraus den Gesetzen und der Polizei widersetzen will. Als ich in dieser Diskussion meine Arbeit erwähnt habe, wollte ich damit nicht sagen, dass ich nur aufgrund dessen richtig oder falsch liege, bzw. reif oder unreif bin. Wogegen ich mich jedoch wehren muss ist der Vorwurf, dass meine Position einer unüberlegten Unreife entspringt. Was ich eigentlich sagen wollte, ist dass ich mich sehr wohl mit Begriffen und Gegenständen wie Rechtsstaat und Solidarität auseinandersetze und darum nicht prinzipiell unüberlegt handle.
Du hast behauptet ich würde unsolidarisch handeln, als ich mich nicht bereit erklärte sofort den Platz, auf dem wir uns illegal befanden, zu räumen und damit riskierte, dass ein Mann, der seine Personalien mehr oder weniger freiwillig gegeben hatte, für mein Handeln büssen musste. Zuerst will ich dich fragen mit welchem Recht dieser Mann die Verantwortung für mein Handeln übernommen hat. Und dabei will ich allen moralischen Blendungen von wegen „Dass ist doch eine gute Geste, er hat sich für uns aufgeopfert und dafür müsse man ihm entgegen kommen“ und Entschuldigungen von wegen „er stand halt zufällig ganz vorne und hatte keine andere Wahl“ widersprechen. Er hatte nämlich sehr wohl die Wahl. Denn es ist die Pflicht der Polizei vorzuwarnen und über das Recht der Wahl aufzuklären: „Entweder du gibst uns deine Personalien und garantierst dafür, dass alle in 15 Minuten weg sind, oder du gehst jetzt gleich und alle anderen auch.“ Er musste sich also überlegen ob er für uns alle, eine Gruppe von ihm fast gänzlich unbekannten Personen, die Verantwortung übernahm oder ob er sagte: „Weil ich nicht für alle garantieren kann, räume ich jetzt den Platz ohne meine Personalien zu geben, und überlasse jedem seiner Eigenverantwortung.“
Sartre hätte darauf eine Antwort gewusst:
„Aber ich kann mich nicht auf Menschen verlassen, die ich nicht kenne, und mich dabei auf die menschliche Güte oder das Interesse des Menschen für das Wohl der Gesellschaft stützen, da der Mensch frei ist und es keinerlei menschliche Natur gibt auf die ich bauen könnte“
Sich also dafür zu entscheiden die Verantwortung für eine Gruppe von Fremden zu übernehmen stellt unbestreitbar ein Risiko dar, bei dem es ganz darauf ankommt ob diese Gruppe zu der auch ich gehörte, zum Vor- oder Nachteil dieses Mannes handelten. Böse gesagt könnte man sagen es sei dumm von ihm, darauf zu vertrauen, dass wir in 15 Minuten den Platz räumen würden.
Sich trotzdem dafür zu entscheiden dieses Risiko auf sich zu nehmen, kann ich mir nur erklären, wenn dieser Mann genau auf diese von Sartre verneinte menschliche Natur vertraut hatte. Dann muss er kalkuliert haben, dass wir und auch ich in etwa wie folgt denken:
„Aber dieser Fremde bringt ein Opfer (seine Personalien) für mich auf und ist bereit für uns alle gerade zu stehen, da muss man ihm doch entgegen kommen und in den Platz räumen“ Wenn ich so gedacht hätte, hätte ich „solidarisch“ und „menschlich“ gehandelt.
Meine Frage: Nur weil dieser Mann, den ich nicht kenne, ohne mich zu fragen ein solches Opfer für mich bringt, muss jetzt also auch ich ihm gegenüber Solidarität zeigen?
Ich büsse also von meiner Entscheidungs- und Handlungsfreiheit mich den Polizisten zu widersetzen oder nicht ein, nur weil ich ungefragt zur wechselseitigen Solidarität verpflichtet worden bin?
Und ich gebe zu, dass mir diese Freiheit viel wert ist. Aber ich habe mir sehr wohl die Frage gestellt, ob es es wert sei auf diese Freiheit in Angesicht dieser Lappalie zu bestehen, oder ob ich auch einfach den solidarisch den Platz räumen könnte, damit dieser unbekannte Mann keine Scherereien bekommt. Gut möglich, dass eine Abwägung in diesem spezifischen und kleinlichen Fall zugunsten des Fremden ausgefallen wäre, wenn ich dabei nicht noch ein weiteres Opfer als meine Freiheit in Kauf hätte nehmen müssen.
Indem dieser Fremde auf eine „menschliche Natur“ in mir baute, glaubte er an „etwas Gutes im Menschen“ und auch in mir, zu dem ein „natürliches“ Solidaritätsbewusstsein gehörte. Das entspricht seinem Menschen- und Weltbild, das ein moralisches ist und das ich nicht unbedingt teile. Nicht weil ich nicht glaube, dass es nicht etwas Gutes im Menschen gibt, sondern weil es mich noch zu etwas Weiterem verpflichtet. Weil es nun also „gut“ und „menschlich“ wäre, müsste ich auch Solidarität gegenüber seiner Idee von einem Rechtsstaat zeigen. Seine Idee von einem Rechtsstaat entspricht also seinem Versprechen an die Polizisten in 15 Minuten den Platz zu räumen, dass man sich an die Gesetze halten müsse und seinem exekutivem Arm Gehorsam zu leisten habe und damit basta. Dass der Rechtsstaat für uns sorgen müsse wie für ein unmündiges und hilfloses Kind, dass er immer wisse, was das Beste für uns sei. Wenn nun also das „Gute“ in mir von mir verlangt, dass ich Solidarität zeige, verlangt es auch von mir, dass ich dieser Idee von Rechtsstaat zustimme.
Aber das kann ich nicht. Denn ich sage mit Goethe:
„Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören!“
Ich bin nicht gegen den Rechtsstaat, sehe sogar seine Nötigkeit sehr wohl ein, aber zu seinen Gesetzen kann ich nur Ja sagen, wenn sie lebbar sind, wenn sie nicht bevormunden, wenn der Rechtsstaat Ohren und nicht nur Fäuste für den Widerstand übrig hat, wo dieser Bedürfnisse der Bevölkerung ausdrückt. Wenn jetzt aber eingewendet wird, dass noch ausdiskutiert werden müsse, ob die Stadt B. und der Rechtsstaat S. der Jugend und überhaupt genügend Freiraum zum atmen zu Verfügung stellt, verstehe ich das. Aber dabei handelt es sich aber um eine andere Diskussion, die ich zu gerne zu einem anderen Zeitpunkt führe, wenn du willst. Was ich mit dieser Ausführung sagen will ist, dass mir dieser Herr „Unbekannt“ durch seinen Solidaritätsanspruch nicht nur ein moralisches Menschen- und Weltbild aufzwingt, gegen das ich in diesem Fall nichts habe, sondern auch noch verlangt, dass ich meine Idee von einem Rechtsstaat aufgebe.
Und Nein ich bin nicht bereit diese Idee ohne weiteres aufzugeben, ohne mit dem Fremden darüber diskutiert zu haben, ohne von seiner Rechtsstaatidee überzeugt worden zu sein und dahinter stehen zu können. Ich lasse mich nicht von diesen moralischen Ansprüchen und dem Glauben an das „Gute im Menschen“ in Fesseln legen.
Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich damals das sehr spitze und vielleicht unreif erscheinende, aber sehr wohl überlegte Wort „Vergewaltigung“ angewendet habe.
Denn wenn von mir verlangt wird, dass ich gegen meine Überzeugungen handle, dann zwingt man mich zu etwas, dass nicht meinem Willen entspricht.
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